Forms of Constraint

Serie #L1-#L7
Metallicgarn auf Leder

Serie #Wa1-Wa7
Weiße Stickerei auf bedrucktem Stoff

Serie #O1-#O8
Stickerei auf Organza Seide

 

Panoptischer Grundriss von J. Bentham
JVA Berlin Moabit
JVA Freiburg
Frauengefängnis Island
Gefängnis Ratibor Polen
Supermax Security Prison Arizona
SAP-Zentrale Walldorf
Pentagon U.S.A.

Rinderhaut, Metallicgarn und Spitzendeckchen.
Neue Objekte von Annette Streyl


Um die Wende zum 21. Jahrhundert verblüffte Annette Streyl als ausgebildete Steinbildhauerin die Öffentlichkeit mit Strickobjekten. In unterschiedlichen Größen stellte die Künstlerin architektonische Hüllen von bestehenden Repräsentationsbauten der Politik, Kultur und Wirtschaft als „soft-sculptures“ auf oder hängte sie wie Bettlaken über eine Leine. Inmitten boomender Bautätigkeiten eines neoliberalen Aufbruchs dämpften Streyls Arbeiten die postmodernen Euphorien in Stahl, Stein und Glas mit ironischer Geste: Anknüpfend an weiblich-häusliche Tätigkeiten des Strickens, Stickens, Häkelns und anderer Handarbeiten wurden der kuppelgeschmückte „Reichstag Berlin“, die kubische „Galerie der Gegenwart“ in Hamburg, „Ikea Dortmund“, „Deutsche Bank Frankfurt“, der Turm von „AT&T New York“, in wollenen Maschen faltbar und transportabel, zu bequem ausstellbaren Sinnbildern umgeformt.
Die neuen Objekte Streyls sind wiederum überraschend und nicht minder mit Bedeutung aufgeladen, wobei sie zunächst harmlos erscheinen mögen. Auf gewachsenen und schwarzgefärbten Lederhäuten von Rindern sind geometrische Formen zu zentrierten oder asymmetrischen Komplexen in Silbermetallgarn eingestickt. Streyl arbeitet mit visuellen Kontrasten zwischen hart und weich, unregelmäßig und modulhaft geordnet, organischer Natur und kulturellem Konstrukt. Erst im zweiten Blick auf die Stickereien werden Erinnerungen an bekannte Architekturgrundrisse wachgerufen. Allbekannt sein dürfte das in Beton gegossene Fünfeck des US-amerikanischen Verteidigungsministeriums, genannt „Pentagon“, erbaut 1941 anlässlich des Einritts der USA in den II. Weltkrieg und bis heute zu den größten zehn Gebäudekomplexen der Welt zählend. Von Streyls „Pentagon“ aus erschließt sich die Spur zu ihren anderen, stringente Ordnung abbildenden Architektursystemen.
Besonders markant sticht ein kreisrundes Zeichen heraus, das von der Anziehungskraft eines starren Blicks bestimmt ist. Der mit Pupille im Zentrum und ausstrahlender Iris einem wachsamen Auge vergleichbare, von Streyl reproduzierte Grundriss wurde 1791 von dem Wirtschafts- wie Sozialpolitiker Jeremy Bentham entworfen zur Kontrolle von Fabrikarbeitern und diente im 19. Jahrhundert dem Bau von Gefängnissen als Idealvorlage. In den Realisierungen des „Panopticon“-Typs erkannte der französische Philosoph Michel Foucault die steingewordene Signatur der modernen Disziplinar-Gesellschaften. Andere von der Künstlerin auf Rinderhaut mit Stickereien eingeschriebene Grundrisse sind historisch bis heute umgesetzte Variationen von zentral strukturierter Überwachungsarchitektur („JVA Freiburg“, „Berlin Moabit“, „Arizona Prison“, „SAP-Zentrale“, „Frauengefängnis Island“). Statt Haut als Bedeutungsträger hat die Künstlerin eine Serie dieser Baupläne auf ein Tortenpapier ähnliches Material appliziert - in Kombination mit einem Schmuckrand, der Muster von Spitzendeckchen zitiert. Damit treibt Annette Streyl das Disziplinierungsthema in den Handlungsbereich traditionell weiblicher Sozialisation und sabotiert jeden Gedanken an nett dekorierten Gaumengenuss. CM

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© copyright: Annette Streyl 2016