Strickarchitektur

Strickarchitektur Wolle und Metallgerüst
M 1:100
Auflage 3
Aufhängung schwebend ca. 10 cm über dem Boden

World Trade Center
415/417x64x64 cm

Ich konnte seit etwa 1999 verfolgen, wie Annette Streyl ihre gestrickten Architekturen entwickelte. Sie ging dabei aus von Repräsentationsbauten, politischen oder wirtschaftlichen Zentren der Macht, wie dem Reichstag und dem Palast der Republik in Berlin oder der Münchner Konzernzentrale von BMW, die sie im Maßstab 1:100 in Wolle nachbilden ließ. Die künstlerische Verfremdung fand damit auf zwei Ebenen statt: zum einen durch die Verkleinerung des architektonischen Originals, die das Bauwerk in die Größe eines Modells zurückversetzt und keinen ehrfurchtsvollen Blick nach oben ermöglicht, zum anderen durch die Wahl des Materials. Die gestrickten Bauten haben keinen Halt, sie fallen in sich zusammen, der Korpus ist hohl und der Bau wird einzig durch seine äußere Form zitiert.

Diese Außenhaut stülpt Streyl in manchen Präsentationen wie eine Hülle über Stahlstangengerüste, die dem dargestellten Bau seine stabile Form zurückgeben. Der Materialcharakter der weichen Strickgebäude wird jedoch besonders betont, wenn die Künstlerin sie über gespannte Schnüre wie über eine Wäscheleine hängt. Die festen Mauern jener repräsentativen Architekturen werden ausgerechnet in ein Material verwandelt, das ihren ursprünglichen Charakter vollkommen untergräbt.

Mit der Transformation eines bestimmten Objekts in ein „fremdes“ Material bedient sich Streyl einer surrealistischen Methode und verweist gleichzeitig auf die Soft Sculptures von Claes Oldenburg. Außerdem greift die Künstlerin – wie Rosemarie Trockel – mit Stricken und Waschen als traditionell weiblichen Tätigkeiten Rollenklischees auf, die in ironischem Kontrast zu den dargestellten Sujets stehen, die bis heute Repräsentationen meist männlicher Machtstrukturen sind. Damit entzieht Annette Streyl den Machtgebäuden nicht nur ihre Monumentalität und Dauerhaftigkeit, sondern stellt gleichermaßen die Frage nach der Verteilung von Macht.

Textauszug von Christoph Heinrich

Fernsehturm Berlin, Detail
368x36x36 cm

Reichstag Berlin
55x130x86 cm

Palast der Republik Berlin
32x88x180 cm

Große Halle Berlin, Detail
318 x 450 x 400 cm
Dieses nie realisierte Bauwerk stammt aus der Germaniaplanung für Berlin von Albert Speer und Hitler und war die größte jemals geplante Versammlungshalle der Welt.

Ausstellungsansichten KEHRAUS im Kunsthaus Hamburg

Ausstellungsansichten KEHRAUS im Kunsthaus Hamburg

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© copyright: Annette Streyl 2016